Aktuelles Quo vadis, deutsch-polnische Beziehungen? Über Vertrauen, Spannungen und eine gemeinsame Zukunft
Die Veranstaltung beschränkte sich nicht auf einen Rückblick auf Erfolge. Vertrauen, das die Zusammenarbeit nach 1989 ermöglicht hatte, war eines der zentralen Themen. Ebenso wichtig waren jedoch Fragen nach seiner Beständigkeit. Die Teilnehmenden sprachen über Polarisierung, unterschiedliche historische Erinnerungen, das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, und Spannungen, die die Zusammenarbeit auf beiden Seiten der Oder schwächen können.
Vertrauen, aufgebaut nach 1989
Henning von Zanthier eröffnete die Konferenz. Er erinnerte daran, dass Polen und Deutschland zwischen 1989 und 2013 eine außergewöhnlich gute Zeit in Bezug auf Freiheit, Sicherheit und Wohlstand erlebt hatten. Dazu beigetragen hatten der Glaube an die europäische Integration, die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit und die wirtschaftliche Entwicklung. Diese gemeinsame Ausrichtung schuf die Voraussetzungen für die Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern, ihren Unternehmen und ihren Menschen.
Ein persönliches Beispiel dafür war seine erste Reise nach Poznań im Jahr 1992. Eine Autopanne verlängerte den kurzen Besuch auf vier Tage, in denen er die Stadt und ihre Einwohnerinnen und Einwohner kennenlernte. Er erinnerte sich an ihre Freundlichkeit, Energie und Bereitschaft, Neues aufzubauen. 1995 gründete er gemeinsam mit einem polnischen Partner eine Kanzlei, die Berlin und Poznań verbindet.
Zu den Symbolen jener Zeit gehört die Geschichte eines Busherstellers, der sich verpflichtete, 50 Busse zu bauen, bevor die Fabrik stand und Mitarbeiter eingestellt waren. Die Stadt und die Banken mussten darauf vertrauen, dass das Unternehmen sein Versprechen halten würde. Die Busse wurden gebaut, und das Unternehmen wurde später als Solaris bekannt. Für von Zanthier zeigt diese Geschichte, wie Vertrauen es ermöglicht, Risiken einzugehen und langfristige Geschäftsprojekte aufzubauen.
Im zweiten Teil seines Vortrags stellte er jedoch eine schwierigere Frage: Sind diese gute Zeit und die damals entstandenen Beziehungen gefährdet? Er sprach von einem gesellschaftlichen Wandel, bei dem viele Menschen zunehmend das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu verlieren. Die Globalisierung und die Verlagerung wirtschaftlicher Aktivitäten können die Unsicherheit unter Beschäftigten verstärken. Der Klimawandel, die Digitalisierung und die Entwicklung künstlicher Intelligenz werfen Fragen über die Zukunft und Arbeitsplätze auf. Soziale Medien belohnen häufig Empörung und verschärfen gesellschaftliche Spaltungen.
Nach Einschätzung von von Zanthier begünstigen diese Bedingungen eine Hinwendung zu identitätspolitischen und nationalistischen Positionen sowie den Ausschluss Andersdenkender. Ähnliche Tendenzen beobachtet er sowohl in Polen als auch in Deutschland. Der Rückzug in die eigene Gruppe löse keine globalen Probleme wie Ungleichheit, die Klimakrise, Herausforderungen im Zusammenhang mit KI oder militärische Bedrohungen. Nötig seien gemeinsames Handeln und Dialog, die den Menschen helfen, ihr Gefühl der Einflussnahme auf die Zukunft zurückzugewinnen.
Die Geschichte der Beziehungen war nicht frei von Krisen
Dr. Christoph von Marschall hielt es für schwierig, die deutsch-polnischen Erfahrungen der Jahre 1989 bis 2013 als allgemein übertragbares Vorbild für andere Länder zu betrachten. Die damaligen Bedingungen seien außergewöhnlich gewesen. Dennoch könne man aus dieser Zeit lernen, was den Fortschritt ermöglicht habe: guter Wille auf beiden Seiten und die Bereitschaft, die eigene Sichtweise zu verändern.
Ein Beispiel dafür sei die „Solidarność“, die die Wahrnehmung der deutschen Wiedervereinigung veränderte. Für Polen konnte sie ein Risiko für die Sicherheit der Westgrenze bedeuten. „Solidarność“ trug dazu bei, diese Perspektive zu verändern und zu zeigen, dass die deutsche Einheit Polen den Weg zur Integration mit dem Westen öffnen könnte.
Marschall erinnerte auch daran, wie leicht das Vertrauen hätte erschüttert werden können. Nach dem Fall der Berliner Mauer unterbrach Helmut Kohl seinen Besuch in Warschau, und die Anerkennung der polnischen Westgrenze blieb lange eine Quelle der Unsicherheit. Polen nahm nicht an den Verhandlungen des Zwei-plus-Vier-Vertrags teil; der Grenzvertrag wurde erst nach der deutschen Wiedervereinigung geschlossen. Diese Schwierigkeiten verhinderten die Zusammenarbeit letztlich nicht, zeigen aber, dass gute Beziehungen nicht automatisch entstehen.
Die wirtschaftliche Zusammenarbeit brachte konkrete Vorteile und half, Verbindungen aufzubauen. Zugleich verwies Marschall auf die Konflikte und unterschiedlichen Interessen, die die Beziehungen zwischen Staaten ebenfalls prägen. Unter anderem hätten polnische Warnungen vor Russland und der Energieabhängigkeit in Deutschland nicht immer die nötige Aufmerksamkeit erhalten. Außerdem müsse ein Staat, der europäische Lösungen anstrebt, die Positionen seiner Partner berücksichtigen und die eigene Politik anpassen, wenn er außerhalb des gemeinsamen Konsenses steht. Krisen können zu besserer Zusammenarbeit führen, wenn die Beteiligten daraus Lehren ziehen.
Erfahrungen der Menschen und Zusammenarbeit im Alltag
Das Gespräch „Erlebnisberichte aus der polnischen Gründerzeit“ wurde von Henning von Zanthier moderiert. Es nahmen Dr. Antje Franz, Gründerin der Deutsch-Polnischen Juristenvereinigung und heute Referatsleiterin beim Bundestag, Hans-Jörg Otto, ehemaliger Geschäftsführer von El-Cab in Poznań, sowie Łukasz Dachowski, Partner bei VON ZANTHIER & DACHOWSKI, teil.
Dr. Antje Franz berichtete von ihrem Studium in Polen und der Gründung der Deutsch-Polnischen Juristenvereinigung im Jahr 1990. Sie erinnerte an eine Zeit, in der vieles erst aufgebaut werden musste und die Kontakte zwischen Juristinnen und Juristen aus beiden Ländern sehr begrenzt waren. Ihre Initiative sollte Begegnungen, Austausch und den Aufbau von Netzwerken erleichtern. Mit Blick auf die Gegenwart betonte sie, wie wichtig die bestehenden Beziehungen in Wirtschaft, Wissenschaft und anderen Bereichen gerade in Zeiten politischer Unsicherheit sind.
Hans-Jörg Otto kam in den 1990er-Jahren ohne Polnischkenntnisse nach Polen, um das Unternehmen weiterzuentwickeln. Er wurde freundlich aufgenommen und stellte bald fest, wie wichtig seine persönliche Präsenz im Team war. Das Unternehmen begann mit acht Mitarbeitenden. Otto gewann Vertrauen, indem er vor Ort arbeitete und den Alltag mit seinem Team teilte. Mit der Zeit wurde Poznań zu seiner Heimat. Seine Geschichte zeigte, dass geschäftliches Vertrauen nicht allein durch Verträge entsteht, sondern auch durch Verantwortung und Beziehungen zwischen Menschen.
Łukasz Dachowski sprach über die Zusammenarbeit aus der Perspektive eines Juristen und Unternehmers. Er hob hervor, dass der polnische Markt reifer geworden ist: Deutsche Unternehmen suchen in Polen Partner, neue Entwicklungsmöglichkeiten und Kunden, nicht nur niedrigere Arbeitskosten. Zugleich wies er auf den Unterschied zwischen den gut entwickelten Wirtschafts- und Gesellschaftskontakten und der stärker angespannten politischen Debatte hin. Er sprach über die Instrumentalisierung Deutschlands in der polnischen Innenpolitik und über die Notwendigkeit eines ernsthafteren Dialogs zwischen den Regierungen, der auch die Perspektive Mitteleuropas berücksichtigt.
Streit über die Vergangenheit und die Frage der Verantwortung
Prof. Benjamin Lahusen, Jurist und Rechtshistoriker an der Europa-Universität Viadrina, analysierte die polnischen Forderungen gegenüber Deutschland. Er unterschied zwischen Reparationsforderungen zwischen Staaten und der Frage der Entschädigung einzelner Opfer. Er erläuterte die Nachkriegsregelungen und die spätere Praxis beider Staaten. Seiner Einschätzung nach ist die rechtliche Grundlage für Reparationsforderungen schwach. Die Höhe der Unterstützung für polnische Opfer bleibt jedoch ein wichtiges politisches und moralisches Problem.
Der Vortrag zeigte, dass sich die Auseinandersetzung weder auf eine einzige Summe noch auf eine einzige rechtliche Antwort reduzieren lässt. Sie ist von unterschiedlichen historischen Deutungen und einem Gefühl des erlittenen Unrechts geprägt. In der politischen Debatte können diese Fragen außerdem dazu verwendet werden, gegenseitige Gegensätze zu verstärken. Lahusen sprach sich für zukunftsgerichtete Initiativen aus: akademischen Austausch, Begegnungen junger Menschen, Sprachförderung, gemeinsame historische Forschung und kulturelle Projekte. Außerdem verwies er auf die Viadrina als Institution, die Menschen ausbildet, die Verständigung auf beiden Seiten der Grenze fördern können.
Gegenseitiges Verständnis und gemeinsames Handeln in Europa
Róża Thun, ehemalige Abgeordnete des Europäischen Parlaments, sprach über die Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen innerhalb der Europäischen Union. Sie verwies auf die unterschiedlichen historischen Erfahrungen beider Gesellschaften. In Polen waren der Krieg und seine Folgen in Familienerinnerungen und im Bildungssystem anders präsent als in Deutschland. Diese unterschiedlichen Erinnerungen beeinflussen bis heute Emotionen und gegenseitige Erwartungen; offen darüber gesprochen wird noch zu selten.
Thun betonte, dass die Beziehungen nicht auf finanzielle Fragen reduziert werden sollten und die Geschichte nicht dazu dienen dürfe, Spaltungen zu verschärfen. Sie hob die Bedeutung des Jugendaustauschs, zivilgesellschaftlicher Organisationen, akademischer Programme und Kontakte zwischen Familien hervor. Solche Erfahrungen ermöglichen es jüngeren Generationen häufig, der Zusammenarbeit selbstverständlicher zu begegnen. Zugleich warnte sie vor Desinformation im Internet, Hassrede und russischem Einfluss, die gesellschaftliche Spaltungen vertiefen können. Polen und Deutschland sollten gemeinsam auf diese Bedrohungen reagieren und auch in den Bereichen Sicherheit und Klimaschutz zusammenarbeiten.
An der von Henning von Zanthier moderierten Diskussion „Das polnisch-deutsche Verhältnis im EU-Rahmen: Brauchen wir eine regelbasierte Vision?“ nahmen Róża Thun, Dr. Christoph von Marschall und Michael Konopka von der Warschauer Initiative NowaMewa teil. Sie diskutierten, wie sich gemeinsame europäische Grundsätze mit praktischen Maßnahmen verbinden lassen. Zu den Themen gehörten die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich, die Unterstützung der Ukraine, Europas Fähigkeit, auf Bedrohungen zu reagieren, sowie die Frage, wie die Kooperation innerhalb der EU und der NATO weiterentwickelt werden kann.
Marschall betonte die Bedeutung konkreter Maßnahmen, die das Vertrauen stärken, dass Partner sich aufeinander verlassen können. Thun hob hervor, dass die Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland in ein umfassenderes europäisches Handeln eingebettet sein sollte. Michael Konopka brachte die Perspektive der jüngeren Generation ein und sprach über Initiativen, die polnische und deutsche Kreise, auch aus der Wirtschaft, zusammenbringen. Begegnungen und gemeinsame Projekte helfen, den Alltag der anderen Seite kennenzulernen und Barrieren abzubauen. Die Diskussion zeigte auch, dass es in vielen Fragen unterschiedliche Meinungen gibt und Zusammenarbeit die Bereitschaft voraussetzt, diese offen zu besprechen.
Beziehungen erfordern kontinuierliche Arbeit
Die Konferenz stellte die deutsch-polnische Zusammenarbeit nicht als konfliktfreien Prozess dar. Sie zeigte ihre Erfolge, aber auch Spannungen, die sich nicht allein durch den Verweis auf gemeinsame Geschichte oder wirtschaftliche Interessen auflösen lassen. In der offenen Diskussion sprachen die Teilnehmenden über unterschiedliche Erinnerungen, politische Fehlentscheidungen, gegenseitige Vorwürfe und zunehmende Polarisierung. Eine wichtige Erkenntnis war, dass das Ausweichen vor schwierigen Themen Raum für Vereinfachungen und eine politische Instrumentalisierung der Geschichte lassen kann.
Galerie
Gleichzeitig zeigten persönliche Erinnerungen und Erfahrungen aus der Wirtschaft, wie viel alltägliche Zusammenarbeit bewirken kann. Unternehmen, Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen, Hochschulen und persönliche Kontakte schaffen ein Beziehungsnetz, das den Dialog auch dann aufrechterhält, wenn die Politik Spannungen hervorruft. Die polnisch-deutsche Wirtschaft, getragen von Vertrauen und gemeinsamen Interessen, bleibt eine wichtige praktische Säule guter Beziehungen zwischen unseren Ländern. Sie ersetzt den politischen Dialog nicht, kann ihm aber ein dauerhaftes gesellschaftliches und wirtschaftliches Fundament geben.
VON ZANTHIER & DACHOWSKI unterstützt seit vielen Jahren Mandanten, die in beiden Ländern tätig sind, und verbindet Kenntnisse des polnischen und deutschen Marktes mit Expertise in den jeweiligen Rechtsordnungen. Die Konferenz bot Gelegenheit, darüber zu sprechen, wie diese Zusammenarbeit in einer Zeit weiterentwickelt werden kann, die sowohl Vertrauen als auch den Mut verlangt, schwierige Themen anzusprechen.
